* 6 *

Merrin war in sein Versteck zurückgekrochen wie eine Spinne in ihr Netz.
Ein paar Tage zuvor hatte er es zufällig entdeckt, als er auf dem Weg ins Manuskriptorium durch den Langgang ging und sah, dass ihm Sarah Heap entgegeneilte. Merrin war in Panik geraten. Er befand sich in einem besonders offenen Teil des Langgangs, in dem es keine schattigen Winkel, in die er sich ducken, und keine Türen oder Vorhänge gab, hinter die er schlüpfen konnte. Merrin konnte nie gut denken, wenn er in Panik war, und so drückte er sich einfach nur gegen die alte Holztäfelung an der Wand und hoffte, dass ihn Sarah Heap wie durch ein Wunder übersah. Doch zu seinem Erstaunen geschah ein anderes Wunder – die Holztäfelung hinter ihm gab nach, und er fiel rücklings in einen leeren Raum.
Merrin hatte in einer dicken Staubschicht gesessen und atemlos zugesehen, wie Sarah Heap vorbeihastete, ohne einen Blick in den dunklen Spalt in der Wandverkleidung zu werfen. Als sie vorüber war und er nichts mehr von ihr zu befürchten hatte, sah er sich in seinem Versteck um. Es war so groß wie ein kleines Zimmer und leer bis auf einen zerbrochenen alten Stuhl und einen Haufen Decken, der in der Ecke lag. Aus Furcht, dass sich etwas unter den Decken verbergen könnte, stupste er sie mit dem Fuß an – und sie zerfielen augenblicklich zu Staub. Hustend war Merrin aus dem Kabuff gerannt, nur um festzustellen, dass Sarah Heap umgekehrt war und wieder auf ihn zueilte. Er hechtete in die Geheimkammer zurück und versuchte verzweifelt, sein Husten zu unterdrücken, indem er sich die Fingerknöchel in den Mund stopfte. Doch seine Sorge war überflüssig, denn Sarah hatte in diesem Augenblick andere Dinge im Kopf, und das gedämpfte Würgegeräusch, das aus der Wand kam, fand nicht den Weg in ihre unruhigen Gedanken.
Seit jenem Tag hatte Merrin seinem Geheimversteck schon etliche Besuche abgestattet. Er hatte es mit allem Lebensnotwendigen ausgestattet: Wasser, Kerzen und Lakritzschlangen, außerdem ein paar Bananenbären, die in Ma Custards Laden neu im Angebot waren und die, wenn man sie zusammen mit einer Lakritzschlange kaute, ziemlich interessant schmeckten. Wann immer er konnte, saß Merrin still in der Kammer, lauschte und beobachtete alles wie eine Spinne in ihrem Netz, die darauf wartet, dass eine junge, arglose Fliege vorbeikommt – und schließlich war tatsächlich eine vorbeigekommen, und zwar in der Gestalt Barney Pots.
Merrin hatte sich erfolgreich als Spinne betätigt, und jetzt war er wieder in seinem Versteck und hielt aufgeregt die Beute aus seinem allerersten Überfall in den Händen. Er schlug den Feuerstein aus seiner Zunderbüchse, erzeugte eine Flamme und entzündete die Kerzen, die er sich im Manuskriptorium »geborgt« hatte. Vorsichtig schloss er den Teil der Wandtäfelung, die auf den Langgang hinaus ging, achtete aber darauf, dass der Riegel nicht zuschnappte. Sein Kindermädchen hatte ihn auf Befehl DomDaniels immer in einen dunklen Schrank gesperrt, wenn er nicht tat, was ihm gesagt wurde. Seitdem fürchtete er sich davor, in dunklen Räumen gefangen zu sein, und der einzige Nachteil seiner Höhle war, dass er noch nicht herausgefunden hatte, wie sich die Tür öffnen ließ.
Nachdem er sich dreizehn Mal vergewissert hatte, dass die Tür noch aufging, ließ er sich auf ein paar Kissen nieder, die er aus einem Schrank auf dem Dachboden des Palastes geholt hatte. Dann biss er einer nagelneuen Lakritzschlange den Kopf ab, stopfte sich einen Bananenbären in den Mund und seufzte zufrieden. Das Leben war schön.
Er besah sich die kleine goldene Flasche, die von Barneys Hand noch warm war. Er schmunzelte. Das hatte er gut gemacht. Allein am Gewicht der Flasche und dem intensiven, makellosen Glanz, der im Kerzenschein beinahe orangefarben schimmerte, merkte er, dass sie aus purem Gold war. Er nahm den Silberstöpsel genauer in Augenschein. Was wohl das merkwürdige kleine Symbol oben drauf zu bedeuten hatte? Die Flasche sah wie eine Parfümflasche aus, und er vermutete, dass das Symbol der Name des Parfüms war. Ähnliche hatte er im Schaufenster eines kleinen Juweliergeschäfts in der Nähe von Ma Custards Süßwarenladen gesehen, und manche waren wirklich sehr teuer – mit dem Geld könnte man Ma Custards gesamten Vorrat an Lakritzschlangen, Bananenbären und wahrscheinlich auch einen Großteil der Knallbrause aufkaufen. Merrin lief das Wasser im Mund zusammen, und Lakritzsabber tropfte vorn auf seine graue Manuskriptoriumsuniform. Er grinste und steckte sich noch einen Bananenbären in den Mund. Sein Entschluss stand fest – genau das würde er tun: Er würde in den Juwelierladen marschieren und die Flasche verkaufen, dann würde er schnurstracks zu Ma Custard gehen und ihren gesamten Vorrat an Schlangen und Bären aufkaufen. Dieser alten Schrulle würde er es zeigen. (Merrin gab für Lakritzschlangen inzwischen mehr aus, als er im Manuskriptorium verdiente, und Ma Custard hatte ihm unmissverständlich klargemacht, dass bei ihr nicht angeschrieben wurde.)
Die Neugier gewann die Oberhand, und Merrin fragte sich, wie das Parfüm in der Flasche wohl roch. Wenn es richtig gut roch, konnte er sogar noch mehr verlangen. Er untersuchte das glänzende blaue Wachs, mit dem der Stöpsel versiegelt war. Es war ein Kinderspiel, das Wachs über der Kerze zu schmelzen und die Flasche hinterher wieder damit zu versiegeln – niemand würde etwas merken. Er bohrte seinen schmutzigen Daumennagel in das Siegel und begann, es abzukratzen. Bald lag ein Großteil des Wachses in schmutzigen Kringeln in seinem Schoß, und das glatte Silber, das zuvor unter dem Wachs verborgen gewesen war, glänzte im Kerzenschein. Merrin ergriff den Stöpsel mit Zeigefinger und Daumen und zog. Mit einem leisen Seufzer flutschte er heraus.
Merrin hob die goldene Flasche an die Nase und schnupperte. Es roch nicht besonders angenehm. Genau genommen roch es sogar ausgesprochen unangenehm. Aber woher sollte er auch wissen, dass Dschinn nicht bekannt dafür sind, dass sie gut riechen – und viele sogar Wert darauf legen, ziemlich ekelhaft zu riechen. Dabei roch der Dschinn, der in der goldenen Flasche wohnte, die Merrins klebrige Hand umschloss, gar nicht einmal so übel: verglichen mit anderen Dschinns – wie verbrannter Kürbis mit einem Hauch Kuhmist. Aber Merrin war von seiner Parfümflasche enttäuscht. Nur um ganz sicherzugehen, dass sie wirklich so schlecht roch, hob er die Flasche dicht an sein linkes Nasenloch und schnüffelte kräftig – und der Dschinn wurde in seine Nase gesogen. Es war für beide kein angenehmer Moment.
Der Dschinn war wahrscheinlich übler dran. Viele Hundert Jahre lang hatte er in seiner Flasche ausharren müssen und von dem herrlichen Augenblick seiner Freilassung geträumt. Er hatte von der süßen kühlen Luft eines Frühlingsmorgens auf einer Bergflanke geträumt, genau wie beim letzten Mal, als er von einem ahnungslosen Hirten befreit worden war, ehe ihn eine hinterhältige, nichtsnutzige Hexe mithilfe eines Tricks in die kleinste Flasche gesperrt hatte, in die ein Dschinn überhaupt passte. Seit er von Tante Zelda erweckt worden war, hatte er seiner Befreiung entgegengefiebert und sich den Augenblick in allen erdenklichen fantastischen Variationen ausgemalt. Die einzige, die er sich wahrscheinlich nicht vorgestellt hatte, war, in Merrin Merediths Nase hinaufgesogen zu werden.
In Merrins Nase war es nicht angenehm. Ohne näher auf die unerfreulichen Einzelheiten einzugehen, sei hier nur gesagt, dass es dunkel und feucht war und überdies ziemlich eng für einen Dschinn, der danach lechzte, sich auszudehnen. Und es herrschte ein furchtbarer Lärm – nicht einmal mitten in einem Zaubersturm hatte der Dschinn ein solches Heulen vernommen wie in der engen Höhle, in die er gesogen worden war. Doch plötzlich, begleitet vom Explosionsgeräusch eines gewaltigen Niesers, kam er frei. Er wurde aus der Höhle geschleudert wie eine Kugel aus dem Gewehrlauf. Mit einem Jubelschrei gelangte er an die Luft und schoss als gelber Lichtblitz durch den kleinen Raum, prallte von der Wand ab und plumpste in einen Haufen alten Staubs. Merrin sah völlig verblüfft und nicht ohne Stolz zu – einen solchen Popel hatte er noch nie gesehen.
Merrins Stolz verflog schnell, und aus seiner Verblüffung wurde Angst, als ein großer gelb glühender Klecks aus dem Staubhaufen auftauchte – der Popel im Staub wuchs. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr ihm, als die Masse sich ausbreitete und wie überkochende Milch in einem Topf immer höherstieg. Dann begann die Masse sich zu drehen, sich nach oben zu schrauben, und während sie im Kreis wirbelte und immer weiterwuchs, leuchtete sie immer heller, überstrahlte den warmen Kerzenschein und erfüllte die kleine Kammer mit einem grellen Licht.
Mittlerweile kauerte Merrin in der Ecke und wimmerte. Zuerst hatte er gedacht, ein Schreiber aus dem Manuskriptorium hätte ihn mit einem Popelvergrößerungszauber belegt (ein beliebter Scherz im Manuskriptorium). Aber jetzt wusste er, obwohl er die Augen fest zuhatte, dass es etwas Schlimmeres war. Er wusste, dass in der Kammer ein anderes Wesen war – ein Wesen, das viel größer, älter und furchterregender war als er selbst. Und sein Gefühl sagte ihm, dass das Wesen in diesem Augenblick nicht besonders glücklich war.
Merrin hatte recht – das Wesen war überhaupt nicht glücklich. Es hatte sich nach weiten, offenen Flächen gesehnt, und jetzt war es in einem winzigen Schrank eingesperrt, voll mit altem Staub, und sein Meister und Befreier hockte in der Ecke und heulte. Natürlich waren alle Dschinn daran gewöhnt, dass ihr Erscheinen Schrecken verbreitete – und viele taten alles, um diese Wirkung noch zu verstärken –, aber dieser Meister hatte etwas an sich, was dem Dschinn zutiefst missfiel. Er war ein jämmerlicher Wicht mit einem abstoßenden Äußeren und nun wahrlich nicht die Art von Meister, den er nach dem Erweckungslied erwartet hatte. Er passte nicht einmal zu der Beschreibung. Erbost darüber, schon wieder betrogen worden zu sein, stieß der Dschinn einen gereizten Seufzer aus. Der Seufzer heulte durch die Kammer wie eine Todesfee. Merrin warf sich zu Boden und hielt sich die Ohren zu.
Der Dschinn breitete sich an der Decke aus und blickte mit tiefer Abneigung auf die Gestalt hinab, die unter ihm auf dem Bauch lag und flennte. Doch wenn er nicht in die Flasche zurückwollte, musste schleunigst der nächste Schritt erfolgen. Er musste einen Befehl empfangen und ausführen. Erst dann konnte er wieder Teil der Welt werden und menschliche Gestalt annehmen – was nicht unbedingt ein großer Vorzug war, wie er beim Anblick der jämmerlichen Gestalt unter sich dachte.
Als Nächstes hörte Merrin – obwohl er sich die Ohren zuhielt – eine Stimme, und ihm war, als spreche sie aus dem Inneren seines Kopfes zu ihm: »Bist du Septimus Heap?«
Er öffnete ein Auge und schielte angstvoll nach oben. Der gelbliche Fleck schwebte drohend unter der Decke. Merrin brachte nur ein leises Quieken heraus. »Ja, ich bin ... also, ich bin’s mal gewesen. Ich meine, früher.«
Der Dschinn seufzte, und lautes Windgeheul dröhnte durch den Raum, der nicht größer war als ein Schuhkarton. Wie konnte seine Erweckung so schiefgelaufen sein? Dieser heulende Rotzbengel behauptete, er sei Septimus Heap, dabei hatte das Häuflein Elend, das da vor ihm im Staub lag, nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem jungen Zauberer, von dem ihm Tante Zelda vorgeschwärmt hatte. Sie hatte Septimus Heap so über den grünen Klee gelobt, dass er, obwohl ein abgebrühter Dschinn, sich schon beinahe darauf gefreut hatte, seinen neuen Meister kennenzulernen. Nun aber war klar, dass er abermals einer verlogenen Hexe auf den Leim gegangen war. Er hatte keine andere Wahl, er musste mit der zweiten Frage fortfahren.
»Was ist dein Begehr, oh Meister?« Nur zum Spaß ließ der Dschinn seine Stimme so gruselig klingen wie nur möglich. Merrin hielt sich wieder die Ohren zu und schlotterte vor Angst.
Die Stimme wiederholte ungeduldig die Frage: »Was ist dein Begehr, oh Meister?«
»Was?«, sagte Merrin, schlug die Hände vors Gesicht und spähte zwischen den Fingern durch.
Wieder seufzte der Dschinn. Was für ein Dummkopf! Er stellte die Frage ein drittes Mal, ganz langsam, und dann begann er, an der Wand herunterzurutschen.
»Was ... ist? Mein ... Begehr?«, plapperte Merrin wie ein verschreckter Papagei nach.
Der Dschinn vermutete, dass er wohl die falsche Sprache benutzt hatte. Und so versuchte er es in den folgenden fünf Minuten mit allen Sprachen, die ihm geläufig waren, und irrte dabei unter Merrins entsetzten Blicken ziellos in der Kammer umher. Als er endlich zu der allerletzten ihm bekannten Sprache kam – einem Dialekt aus einem unentdeckten Flusstal in den Schneeebenen des Ostens –, war er der Panik nahe. Wenn der begriffsstutzige Meister die Frage nicht bald beantwortete, musste er in die grässliche kleine Flasche zurück, und was dann? Er brauchte eine Antwort, und zwar sofort.
Merrin hatte unterdessen seinen ganzen Mut zusammengenommen und sich aufgesetzt. »Was ... was bist du?«, fragte er stammelnd den Klecks, der sich jetzt auf dem Fußboden niederließ. Der Dschinn beruhigte sich ein wenig – endlich redete der Meister einigermaßen verständlich, und er wusste jetzt, welcher Sprache er sich bedienen musste. Aber die Zeit wurde knapp. Schon spürte er, wie es ihn in die kleine goldene Flasche zurückzog, die der Meister noch in der Hand hielt. Er wusste, dass er geduldig und freundlich bleiben musste – das war seine einzige Hoffnung. Langsam beantwortete er Merrins Frage.
»Ich bin ein Dschinn.«
»Ein was?«
Bei allen guten Geistern! Der Bursche war wahrlich ein Hohlkopf. »Ein Dschinn«, sagte der gelbe Klecks ganz, ganz langsam. »Manche sagen auch Dschinni.«
Merrins Nase war verstopft, seine Augen tränten und seine Ohren dröhnten noch vom plötzlichen Erscheinen des Dschinn und seinem Seufzerheuler. Er konnte schlecht hören.
»Du bist Jim Knee?«, fragte er.
Der Dschinn gab es auf. »Ja«, stimmte er zu. »Wenn du unbedingt willst, Meister. Ich heiße Jim Knee. Aber zuerst musst du meine zweite Frage beantworten. Was ist dein Begehr, oh Meister?«
»Was für ein Gewehr?«
Der Dschinn verlor die Beherrschung. »Begehr!«, brüllte er. »Begehr! Was – ist – dein – Begehr, oh Meister! Das bedeutet so viel wie: Was soll ich für dich tun, du Dummkopf!«
»Nenn mich nicht Dummkopf!«, schrie Merrin zurück.
Der Dschinn sah ihn verblüfft an. »Ist das deine Antwort – nenn mich nicht Dummkopf?«
»Ja!«
»Sonst nichts?«
»Nein! Doch, doch ... geh weg, geh weg!« Merrin warf sich wieder zu Boden und bekam seinen ersten Wutanfall, seit ihn sein Kindermädchen das letzte Mal in den Schrank gesperrt hatte.
Der Dschinn konnte sein Glück nicht fassen. Was für eine Wendung! Freudetrunken nahm er menschliche Gestalt an, und eine extravagantere, als er womöglich gewählt hätte, wenn er nicht in einer solchen Hochstimmung gewesen wäre. Bald wurde die Geheimkammer nicht mehr von einem formlosen gelben Klecks, sondern von einer exotischen Gestalt eingenommen, die einen gelben Umhang, eine gelbe Jacke und gelbe Kniehosen trug, und als Krönung des Ganzen auf dem Kopf einen Hut – alle Dschinn hatten einen Hutfimmel –, der auffallende Ähnlichkeit mit einem Haufen in sich zusammenfallender hellgelber Donuts hatte. Den letzten Schliff gaben seinem Äußeren ein, wie der Dschinn fand, höchst geschmackvoller Schnurrbart – er hatte schon immer eine Schwäche für Gesichtsbehaarung – und lange gekrümmte Fingernägel. Er schielte ganz leicht, aber manche Dinge waren nicht zu ändern.
Der Dschinn konnte sein Glück (er hatte beschlossen, ein Er zu werden – was sonst bei einem Namen wie Jim Knee?) noch immer nicht fassen. Eben noch hatte es ganz danach ausgesehen, als sollte er wieder in die Flasche gesperrt werden, und jetzt genoss er grenzenlose – oder nahezu grenzenlose – Freiheit. Solange er der alten Hexe, die ihn für ein Jahr und einen Tag erweckt hatte, aus dem Weg ging, konnte ihm nichts passieren, und er hatte ganz bestimmt nicht die Absicht, sich den verderblichen Marschen, in denen er erweckt worden war, zu nähern. Nicht die geringste.
Der Dschinn betrachtete Merrin, der heulend und mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden lag und mit den Füßen strampelte, und schüttelte belustigt den Kopf. Die Menschen waren schon ein sonderbares Völkchen, so viel stand fest, auch wenn er in einer dunklen, fernen Vergangenheit selber mal einer gewesen war. In dem unwiderstehlichen Verlangen, endlich frische Luft zu schnuppern, rauschte der Dschinn aus der geheimen Kammer und verursachte dabei einen solchen Luftzug, dass die Tür mit einem lauten Knall zufiel.
Im Innern der Kammer endete Merrins Wutanfall abrupt – so wie immer, wenn das Kindermädchen die Schranktür hinter ihm geschlossen hatte. In der jähen Stille stand er langsam auf und versuchte, noch immer ein Brausen in den Ohren, die Wandtäfelung zu öffnen. Sie rührte sich nicht.
Eine Stunde später hockte Merrin zusammengesackt auf seinen Kissen, heiser vom Schreien, und Sarah Heap saß in der Palastküche und unterhielt sich mit der Köchin.
»Ich höre etwas hinter der Wandtäfelung«, sagte sie. »Das sind diese armen kleinen Prinzessinnen, von denen mir Jenna erzählt hat. Die armen Geisterchen. Es ist so traurig.«
Die Köchin sah es nüchtern. »Machen Sie sich keine Gedanken, Madam Heap«, sagte sie. »Im Palast hört man so allerlei. Im Lauf der Jahre sind hier schreckliche Dinge geschehen. Sie dürfen einfach nicht daran denken. Es hört bestimmt bald auf, Sie werden sehen.«
Sarah Heap versuchte es, aber das Geschrei hielt den ganzen Abend an. Sogar Silas hörte es. Sie stopften sich Watte in die Ohren, ehe sie zu Bett gingen.
Merrin dagegen ging überhaupt nicht zu Bett.